Abwart, Billett, Rande oder Trottinett – viele Ausdrücke im deutschen Wortschatz sind nur hierzulande geläufig. Sie gelten als prägend für das sogenannte Schweizer Hochdeutsch und sind auch in den bekannten Wörterbüchern aufgeführt. Es macht durchaus Sinn, schweizerische Eigenarten in die Schriftsprache einzubauen.

 

Die sozialen Medien bringen es an den Tag. In Mundart schreiben ist populär, und meist wird so kommuniziert, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Das gilt nicht nur für Jugendliche, auch viele Erwachsene lieben es, ihre WhatsApp-Nachrichten, SMS oder Posts in Schweizerdeutsch zu verfassen. In solchen Texten fehlt meist jegliches Gespür für die Rechtschreibung.

 

Die Sprachhüter könnten jetzt behaupten, es gehe nun komplett bachab mit dem gepflegten Deutsch. Dem ist entgegenzuhalten, dass wir für die Mundart nicht wie im Hochdeutschen auf ein kompaktes Regelwerk wie den Duden zurückgreifen können. Es gibt zwar Regelungen für das Schweizerdeutsche, zu finden etwa im «Schweizerischen Idiotikon», aber sich auf einen einheitlichen Kurs zu einigen, wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Die Rolle der Mundart in den sozialen Medien hat aber auch ihr Schönes: Sie wird aktiv genutzt und ihre Popularität beweist, dass Dialoge so gelingen und Kommunikation erfolgreich ist.

 

1. Hochdeutsch und Schweizer Hochdeutsch sind zwei Paar Schuhe

Es wäre natürlich unsinnig, das Schweizerdeutsch – also Mundart – in Schule, Medien und Verwaltung als Norm für die Schriftsprache durchzusetzen. Hier geht es darum, uns die Kompetenzen für das Standarddeutsch anzueignen und über Dialekt- und Sprachregionen hinaus kommunizieren zu können.

 

Trotzdem dürfen wir unsere schweizerischen Eigenarten in der Standardsprache abbilden. Ja wir sollten sogar. Sprache hat viel mit Kultur und Identität zu tun, und sie muss eine ihrer ureigensten Aufgaben erfüllen: dass Menschen sich untereinander austauschen und verständigen können. Mit Wörtern, die ihnen aus ihrem alltäglichen Leben bekannt sind. Eine zweite Funktion von Sprache neben der kommunikativen ist nämlich die kognitive (von lat. cognoscere - wahrnehmen, erkennen): Hinter jedem Wort verbinden wir eine Vorstellung, die sich aus Wissen und Erfahrungen speist. Spricht man von der «Apfelsine», werden viele Schweizer Muttersprachler die Nase rümpfen, weil ihnen dieses Wort nicht geläufig ist, sie damit keine Vorstellung verknüpfen. Sagt man aber «Orange», tun sich Bilder und Erfahrungen auf. Unsere Sprache sollte also auf Wörter zurückgreifen, die in unserem Wortschatz verankert sind und unter denen wir uns etwas vorstellen können.

 

2. Fahrräder sind bei uns Velos

Sprachliche Besonderheiten, die nur im Schweizer Hochdeutsch Verwendung finden, jedoch nicht im restlichen deutschen Sprachgebiet bezeichnet man als Helvetismen. Sie sind als standardsprachlich anerkannt und werden in allen etablierten Wörterbüchern wie dem Duden als spezifisch schweizerische Ausdrücke markiert (z. B. «Velo, das; Gebrauch: schweizerisch»; Dieses Wort gehört zum Wortschatz des Goethe-Zertifikats B1.). Es sind nicht nur Mundartwörter wie «Müesli», die zu Helvetismen geworden sind. Auch Fremdwörter (z. B. «parkieren» statt «parken») oder aus dem Englischen (z. B. «Goalie» statt «Torhüter») und ganz oft aus dem Französischen entlehnte Wörter (z.B. «Trottoir» statt «Gehsteig») sind helvetisiert worden.

 

Hier eine kleine Übersicht gängiger Helvetismen:

Helvetismen

Hochdeutsch

Abwart

Hausmeister

Baumnuss

Walnuss

Betreibung

das Eintreiben von Schulden

Bub

Junge, Knabe

Billett

Fahrkarte, Eintrittskarte

Brockenhaus

Gebrauchtwarenladen

Car

Bus, Reisebus

Camion

Lastkraftwagen, LKW

Cheminée

Kamin, offene Feuerstelle

Coiffeur

Friseur

Detailhandel

Einzelhandel

Einzahlungsschein

Zahlschein

Estrich

Dachboden

Ferien

Urlaub

Gang

Flur

Glace

Speiseeis

Goalie

Torwart

Gottenkind

Patenkind

grillieren

grillen

Guetsli, Guetzli

Gebäck, Plätzchen

Jupe

Rock

Kabis

Weisskohl

Lavabo

Waschbecken

Morgenessen, Zmorge

Frühstück

Müesli

Frühstücksflocken, Müsli

Necessaire

Kulturbeutel

Nuggi

Schnuller

Occasion

Gebrauchtwagen

Orange

Apfelsine

Papeterie

Schreibwarenhandlung, Papierwarenhandlung

parkieren

parken

Penalty

Elfmeter, Strafstoss

Pendenzen

unerledigte Angelegenheiten

Peperoni

Paprika

Pneu

Reifen

Portemonnaie

Geldbörse, Portmonee

Poulet

Hähnchen

Rande

rote Beete

Reservation

Reservierung

Rüebli

Karotte, Möhre

Serviertochter

Kellnerin

Traktandenliste

Tagesordnung

Trax

Bagger

Trottinett

Roller, Kickboard, Tretroller

Trottoir

Gehsteig, Bürgersteig

Velo

Fahrrad

zügeln

umziehen

 

Eine schweizerische Eigenart ist übrigens auch, anstelle des Eszett (ß) nach dem betonten langen Vokal zwei «s» zu schreiben, z. B. Strasse statt Straße.

 

3. Fazit: Näher dran an der Zielgruppe

Der Fokus auf die Zielgruppe ist wichtig. Wer in seinen Texten Helvetismen verwendet, rückt näher an die Lebenswelt der Lesenden mit Schweizerdeutsch als Muttersprache. Helvetismen sind anders als Dialektwörter in den Regelwerken als spezifisch schweizerische Ausdrücke der Schriftsprache akzeptiert. Letztendlich geht es aber darum, die Lesenden direkt anzusprechen und von ihnen verstanden zu werden. Wenn man hauptsächlich für Schweizer Lesende schreibt, ist Schweizer Hochdeutsch die richtige Wahl.

 

Stand: April 2019

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